Herr Gemeindepräsident, vor welchem Problem standen Sie im vergangenen Sommer?
In den nächsten 5 bis 10 Jahren stehen in der Gemeinde Schwyz grosse räumliche Veränderungen an wie die angestossene Nutzungsplanungsrevision mit der inneren Verdichtung, das starke Bevölkerungswachstum und rund um das frei werdende Kantonsareal im Zentrum des Dorfs. Gleichzeitig wurde uns eine Pluralinitiative angekündigt, die 40 % bezahlbaren Wohnraum fordert. Wir wollten spüren, was die Bevölkerung der Gemeinde wirklich will, um die Weichen für die Zukunft richtig stellen zu können.
BrainE4 ist noch kaum bekannt. Wie kam der Kontakt zustande?
Ich bin letztes Jahr über die Website gestolpert und habe mich mit unserem externen Projektleiter Franz-Xaver Strüby besprochen. Uns gefiel das Prinzip von BrainE4 sehr: offen Fragen und die Möglichkeit, Ideen abzugeben.
«Wir konnten konkrete Mythen entzaubern.»
Dagegen gab es sicher Bedenken.
Ja. Im Gemeinderat bestand anfangs eine gewisse Zurückhaltung, da mit offenen Fragen zu viele Begehrlichkeiten geweckt werden könnten – eine klassische Wunschliste. Aber man muss sich als Gremium einfach im Klaren darüber sein, dass man am Ende auch Mut zum Nein-Sagen braucht. Der Gemeinderat hatte diesen Mut, und letztlich ging der Prozess erstaunlich schnell.
«Der ganze Prozess ging erstaunlich schnell.»
Wie unterscheidet sich diese digitale Partizipation von Ihren bisherigen Methoden?
Ich bin seit 14 Jahren im Gemeinderat dabei. Wir haben diverse Kommissionen, die sich mit der Zukunft befassen. Zudem machten wir beispielsweise Workshops mit den Parteien. Damit erreicht man jedoch immer nur dieselben, ausgewählten Kreise. Wer in keiner Partei ist, bleibt aussen vor. Mit BrainE4 haben wir sensationelle 11,2 % der Bevölkerung erreicht. Die Menschen haben sich teilweise zwei Stunden lang intensiv durch die Duelle geklickt.
Gab es keine Kritik?
Doch, vereinzelte Stimmen meinten, da machten nur Linke und Grüne mit. Aber genau das ist die Aufgabe des Gemeinderats –die Ergebnisse richtig zu interpretieren. Zudem haben wir immer noch die demokratische Bremse: Eine Umsetzung braucht finanzielle Mittel. Für jeden grossen Kredit müssen wir an die Gemeindeversammlung oder an die Urne.
«BrainE4 schafft Akzeptanz.»
Was war für Sie das überraschendste Ergebnis?
Es gab eine gesunde Demut. Bei analogen Workshops klebt jeder seine Idee an die Wand und denkt, sie wird umgesetzt. Hier sieht der Bürger schwarz auf weiss, auf welchem Platz seine Idee gelandet ist. Das schafft Akzeptanz. Ausserdem wurden unsere eigenen Vorschläge aus dem Gemeinderat teilweise nach hinten durchgereicht – das haben wir sportlich genommen. Der Kanton wollte vor allem Gewerbe, aber das Volk will beispielswiese auf dem Areal der Bahnhofstrasse Wohnungen für Mehrgenerationen, ein Café und ein Parkhaus. Mit diesem messbaren Volkswillen gehen wir nun ganz anders zum Kanton.
Wie waren die Reaktionen aus der Bevölkerung?
Es kam nichts Negatives. Die Leute engagierten sich enorm.
Sie mussten sich im Prozess auch mit dem Bezirk absprechen?
Ja, der Bezirk Schwyz als Eigentümer des Hauptplatzes wollte eine eigene Umfrage zum Hauptplatz starten. In dieser Phase konnten wir die Hypothesen des Bezirks bei uns einbauen, um auch hier die Bedürfnisse zu eruieren.
«Die Entscheidungsmatrix ist für uns Politiker Gold wert.»
Sie haben die Bevölkerung zweimal befragt: Zuerst konnte man in offenen Fragen Ideen eingeben und priorisieren. Der zweite Dialog war geschlossen und konkreter. Was war der Nutzen des zweiten Dialogs?
Wir konnten konkrete Mythen entzaubern. Von Einzelnen geforderte Wunschträume wurden so teilweise in der Priorisierung der Bevölkerung weit nach hinten gespült. Jetzt können wir fundiert sagen, welche Bedürfnisse einen breiten Rückhalt haben.